Lokales
23.10.2019
Nicht nur die Winzer sind Adressaten
Hochschule Geisenheim lässt über Streitthema „Bauen im Außenbereich“ diskutieren

Von Oliver Koch

RHEINGAU. „Die Rheingauer Landschaft ist aus kulturlandschaftlicher Sicht unbedeutend, da schon so viel zerstört wurde, dass es nur noch Reste gibt.“ Einige Zuhörer brauchen einen Moment, um Udo Reckers Wort sacken zu lassen. Schließlich handelt sich bei dem, was der hessische Landesarchäologe gerade über die selbstbewusste Weinregion geäußert hat, um starken Tobak – und um einen der pointiertesten Beiträge in einer Podiumsdiskussion, zu der das Kompetenzzentrum Kulturlandschaft der Hochschule Geisenheim eingeladen hat.

Die Teilnehmer wollen der Frage nachgehen, ob Bauen im Außenbereich und der Erhalt der Kulturlandschaft unüberwindliche Gegensätze darstellen. Oft wird das Thema nur mit Blick auf Weingüter diskutiert, die in die Weinberge aussiedeln, wenn es im Ort zu eng wird. Der Weg hierzu steht ihnen laut Baugesetzbuch offen, das das privilegierte Bauen für Winzer im Außenbereich regelt. Ein Thema, das regelmäßig für Ärger sorgt.

Diskussion ohne Scheuklappen gefordert

Doch warnt Eckhard Jedicke davor, die Sache auf Weingüter einzuengen. „Es gibt mit den Winzern nicht nur einen Adressaten“, sagt der Professor für Kulturlandschaftsentwicklung an der Hochschule Geisenheim. Und führt den fortgesetzten Flächenverbrauch für Gewerbe- und Wohngebiete sowie Straßen ins Feld. Bei den Aussiedlungen von Winzern handele es sich um Einzelfallentscheidungen, wobei durch das Projekt keine öffentlichen Belange, etwa des Natur- oder Denkmalschutzes, beeinträchtigt werden dürften. Einen „Freifahrtschein“ für Weingüter gebe es jedenfalls nicht.

Jedicke plädiert dafür, Planungsinstrumente zu nutzen und sich in einer „scheuklappenfreien Diskussion“ auf Ziele zur Flächennutzung zu verständigen. Winzer könnten Einzelvorhaben bündeln. Zudem gehe es darum, rechtliche Rahmen zu setzen und etwa eine Integration des Rheingaus in den Naturpark Rhein-Taunus zu prüfen. Wichtig ist laut Jedicke: „Kommunizieren statt vor Gericht klagen.“

Recker stellt anhand von Karten dar, wie gewaltig in den vorhandenen Jahrzehnten der Zuwachs der Siedlungs- und sonstigen landwirtschaftlichen Flächen im Rheingau war. So gebe es vom Westen Rüdesheims bis Winkel nur noch eine „zusammenhängende Siedlungssoße“. Seinen eingangs erwähnten, vernichtenden Befund schwächt er auf Nachfrage von Moderator Oliver Bock von der FAZ etwas ab, spricht von einem „aufrüttelnden Moment“.

Eine „Käseglocke“ will Recker dem Rheingau nicht überstülpen. Veränderung sei normal, man müsse aber über Tempo und Ausmaß reden. Er spricht sich für eine Gesamtschau samt Bedarfsanalyse aus, um dann auf dieser Basis zu konkreten Handlungsempfehlungen für den Umgang mit der Kulturlandschaft zu kommen. „Wir müssen miteinander reden, brauchen einen Konsens.“ Und den erreiche man nicht, wenn jede Kommune für sich hinwirtschafte, sagt Recke und fordert von den Gemeinden mehr Abstimmung.

„Wir brauchen einen Moderator in der Zivilgesellschaft“, sagt Jedicke, der dafür die Kommunen über den Zweckverband in der Pflicht sieht. Stefan Ress, Hattenheimer Winzer und einst Vorsitzender des Rheingauer Weinbauverbandes, sieht die Winzer zum Dialog bereit. Die Kulturlandschaft müsse man sorgsam in die nächste Generation weitertragen und als gemeinsames Kapital betrachten, das eine „Verzinsung“ verdiene. „Die Rechnung sollte immer positiv sein.“ Wie Jungwinzer Thomas Schumacher vom Weingut Offenstein Erben in Eltville berichtet, hat man sich vor Jahren für eine Erweiterung im Ort entschieden, ist später aber zumindest mit einer Maschinenhalle ausgesiedelt. Die Option zur Aussiedlung wolle man sich offenhalten, schließlich wisse man nicht, was in 30 Jahren sei. Denn im Ort seien Flächen nicht verfügbar oder erschwinglich.

Ob nicht die Hochschule Standards für Bauen im Außenbereich entwickeln könne, fragt Renate Quermann vom Stadtbildverein. Man stehe gerne für Beratung und Wissenstransfer zur Verfügung, versichert Jedicke und schlägt ein Projekt „Kulturlandschaft Rheingau 2030“ vor. Aber: „Standards setzen können wir nicht. Die müssen gemeinsam festgelegt und dabei die Leute beteiligt werden.“